fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2007-03-05

mal fernsehen geglotzt

11,81 Millionen Deutsche sahen gestern Teil 1 von "Die Flucht", eine Art Gute Zeiten/Schlechte Zeiten anno '44/45. In etwa dieser Höhe wird auch die Zahl der damals von Flucht und Vertreibung betroffenen Deutschen angegeben, wobei diese Zahl wohl beständig nach oben korrigiert werden wird, denn "auf eigenartige Weise hat die Zahl der Heimatvertriebenen nach 1945 ständig zugenommen, weil dieser Status als erblich gilt. In absehbarer Zeit werden also alle Deutschen ein Vertriebenen-Gen in sich tragen und praktischerweise zur Gruppe der vergessenen Opfer, der Anspruchsberechtigten, der Missachteten und Beleidigten gehören." (Götz Aly: Rasse und Klasse, Frankfurt a.M. 2003, S. 196)
Nur noch etwa die Hälfte, 5,47 Mio., blieben auch noch im Anschluss an den Hochglanz-Pommern-Kitsch am Gerät und sahen "Sabine Christiansen" zum Thema "Flucht, Vertreibung - Versöhnung?" Wem bis jetzt noch nicht schlecht geworden war, dem wurde nun ein furchtbares Schauspiel geboten. Aus dem Publikum wurden Zeitzeugen befragt, die zum Loswerden ihrer Geschichte gottseidank nur zwei Minuten hatten, dafür aber eine Computeranimation ihrer Route eingeblendet bekamen. (Vertreibung 2.0) Auch im Plenum gab's diverses Deutschhaft-Schauerliches. Geladen war z.B. Tatjana Gräfin Dönhoff, die sich damit rühmen kann, Autorin des Buches zum Film sowie Großnichte von Marion Gräfin D. zu sein, welche wiederum nicht nur durch Ihren Titel geadelt ist, sondern auch dadurch, 8 Wochen lang vorm Iwan flüchtend gen Westen geritten zu sein. Gräfin Tatjana wünscht sich ein "Zentrum gegen Vertreibung" in Berlin und nirgends sonst, wahrscheinlich, weil sich ihr Heimatroman im deutschen Museumsshop doch besser verkaufen wird als z.B. in Breslau, zumindest solange dieses sich noch in Feindeshand befindet.
Ihr zur Seite setzte man Günther Beckstein, der freudig erregt die Vertriebenenverbände dafür lobte, in ihrer Charta von 1950 keine Rache für das Verlieren des Krieges geschworen zu haben und alle während Flucht und Vertreibung umgekommenen Deutschen zu Mordopfern stilisierte.
Marek Cichocki, Berater der polnischen Präsidentenbrüder, hatte man als einzige Gegenposition zum in der Sendung dargelegten Geschichtsbild zugelassen, nur in Ansätzen unterstützt von Egon Bahr, der Cichocki peinlicherweise für dessen "gutes Deutsch" lobte und nur teilweise in das Grauen der sogenannten "Diskussion" intervenierte. Deren Tiefpunkte wurden jedesmal erreicht, wenn wahlweise Hellmuth Karasek oder Michael Stürmer den Mund aufmachten. Karasek argumentierte in Hitler-Manier („Man kann Flucht und Vertreibung nicht mit Hitler beginnen lassen, sondern eigentlich muss man es mit dem Versailler Vertrag beginnen lassen.“) und bezeichnete als Grund für Flucht und Vertreibung nicht etwa den von den Deutschen begonnenen und auf deutsche Weise geführten Krieg, denn "man kann nicht revangistisch oder falsch sein, wenn man sagt, dass das 20. Jahrhundert von Anfang an ein Jahrhundert der Fluchten, der Völkermorde und der Vertreibungen war. Immer war der Grund einer: Es sind Nationalitätenstaaten zerfallen.“ Geschichte leicht gemacht. Und somit auch verständlich für den Historiker Stürmer, eh genervt von all dem Fachchinesisch seiner Kollegen. Diese haben nämlich versagt und somit in Stürmers Bibliothek wohl auch keinen Platz, denn "die ganz großen Bücher haben Fest geschrieben, haben Haffner geschrieben. Denken sie an den Holocaust-Film, eigentlich eine Seifenoper, aber von erheblicher Bedeutung. So ist das eben, die Historiker sind sehr ehrpustlich und fleißig und gründlich und sie scheuen sich das individuelle Schicksal zu beschreiben.“ Gottseidank kann Herr Stürmer sich dieses heute Abend in Teil 2 wieder anschauen, wenn weiter geflüchtet und vertrieben wird was das Zeug bzw. der Handwagen hält.


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7 Comments:

Anonymous Anonym said...

und dazu passt :

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/563831/

Dienstag, 06 März, 2007

 
Anonymous Anonym said...

Wer hat angefangen? Das sind so Fragen... :-)

Dienstag, 06 März, 2007

 
Anonymous Anonym said...

was für ein verdrehter schwachsinn der hier gelabert wird,...jungs kommts von euren drogen runter,...und informiert euch nicht immer so einseitig wenn ihr kommentare zu themen schreibt bei denne ihr euch nicht auskennt,...

Dienstag, 06 März, 2007

 
Blogger FinsterWinster said...

Was meinst Du denn mit "einseitig"? Das TV-Programm der ARD?
Und wer kennt sich denn aus? Der Zeitzeuge, dessen subjektive Leidensgeschichte zur Schablone für die Beschreibung und Einordnung historischer Zusammenhänge gemacht wird?

Dienstag, 06 März, 2007

 
Anonymous Josi said...

Zu den Zeitzeugen: „Wie psychologische Studien betonen, können Filmsequenzen dabei sogar die individuelle Erinnerung an die eigene Vergangenheit beeinflussen. Spielfilme können allerdings nicht nur Geschichtsvorstellungen konstruieren. Sie fungieren auch als historische Akteure, indem sie dazu beitragen, bestimmte Deutungsmuster zu etablieren, die kollektive Handlungen anregen.“

Zu Finster: „Die Filme haben viele Historiker etwas ratlos zurückgelassen. (…) da Filme allenfalls nach dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit arbeiten, nicht jedoch nach wissenschaftlichen Paradigmen wie ‚Wahrheit’. (…)Man muss als Historiker derartige Spielfilme nicht mögen.“

Zum Nachlesen: Frank Bösch: Film, NS-Vergangenheit und Geschichtswissenschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (2007), S. 1-33.

Dienstag, 06 März, 2007

 
Blogger FinsterWinster said...

Hier nochwas zum Film
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/600861/

...aber das ist ja sicher wieder "einseitige Information"...

Dienstag, 06 März, 2007

 
Anonymous Anonym said...

Die Deutschen haben keinen Grund, sich als arme Opfer aufzuspielen und Polen und Tschechien Vorwürfe zu machen. Soetwas ist einfach nur scheinheilig.

Erstens wurden die meisten Deutschen von der Wehrmacht (zu spät) evakuiert und nicht von den Polen.
Zweites haben diese Deutschen über das Lastenausgleichsgesetz der BRD von 1952 Ausgleichszahlungen allein bis Ende 1973 von insgesamt 82,52 Mrd. DM erhalten, also ein Vielfaches von dem, was die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges und Sklavenhalterregimes bekommen haben. Steinbach und Co. können einfach den Hals nicht voll bekommen.
Wieviele Slawen infolge des durch Deutschland begonnenen 2. Weltkrieges umkamen, weiß niemand genau. Es sind schätzungsweise zwischen 27 - 29 Mio Menschen gewesen - deutscherseits nun noch Forderungen an die Opfer zu stellen, statt sich ehrlich und aufrichtig um Aussöhnung zu mühen, ist einfach ungeheuerlich!
Drittens gehörten die verlorenen Gebiete jenseits von Oder und Neiße einst zu Polen. Sie wurden erst infolge der deutschen Eroberungskriege, gefolgt von anhaltender Diskriminierung und Zwangsgermanisierung der autochthonen slawischen Bevölkerung, gewaltsam, d.h. gegen den Willen der betroffenen Menschen dem Deutschen Reich angegliedert. Deshalb nennen die Polen diese Gebiete auch "ziemie odzyskane" = zurückgewonnenes Land. Wer es nicht glaubt, sollte sich mal eine historische Karte aus der Zeit vor der deutschen Ostkolonisation anschauen.
Viertens sind die von Steinbach und Co. propagierten Opferzahlen maßlos übertrieben.
Fünftens schiebt Deutschland bis heute massenweise andere Menschen ab, die teilweise seit Jahrzehnten hier leben, sogar hier geboren sind und sich nichts zuschulden kommen ließen.
Sechstens hat die deutsche Balkanpolitik durch die Unterstützung(u.a. durch die deutsche Luftwaffe) der albanischen und kroatischen Separatisten erneut die Vertreibung und den Tod von Hunderttausenden Serben, Roma und Juden mitverursacht.
Siebentens weigert sich Deutschland beharrlich die polnische Minderheit in Deutschland entgegen den Vereinbarungen im Nachbarschaftsvertrag mit Polen von 1991 anzuerkennen. Die deutschsprachige Minderheit in Polen hingegen genießt Minderheitenrechte und Privilegien(2 Sitze im Parlament garantiert, doppelte Staatsbürgerschaft) von denen die Minderheiten in Deutschland nur träumen können.
Achtens hält Deutschland bis heute an der unsäglichen Deutschlanddoktrin vom Fortbestand des Deutschen Reiches fest und es steht ausgerechnet in der deutschen Militärdoktrin(VPR) von 1992: “Ohne Deutschland ist es unmöglich, die osteuropäischen Völker zu integrieren.” Dazu kann Deutschland ja auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Bleibt noch die Frage an diejenigen, die so tapfer am deutschen Opfermythos arbeiten: Hätte die Rote Armee etwa an der Grenze halt machen sollen, damit die Deutschen in den Vernichtungslagern ungestört weiter morden können?

Mittwoch, 07 März, 2007

 

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