fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2007-01-16

museumstag

Gestern war Museumstag. Mit einem ordentlichen Brummschädel ging es zunächst in die Ausstellung „Der letzte Weg. Die Deportation der Juden aus Leipzig 1942 – 1945“ im Stadtgeschichtlichen Museum. In 5 Themenkomplexen zeigt die interessante kleine Ausstellung die Geschichte der ca. 2000 aus Leipzig deportierten Juden, das Zusammenspiel der deutschen Behörden bei Raub und Aufteilung des jüdischen Eigentums und der Ermordung der Opfer. Thematisiert werden ausserdem Selbstmorde unter den zur Vernichtung bestimmten Juden und vereinzelte Rettungsversuche anderer Bürger. Natürlich muss sich jede Ausstellung in Bezug auf das Dargestellte begrenzen. Ich allerdings hätte mir einen etwas weiteren inhaltlichen Focus gewünscht. So wäre es durchaus erhellend gewesen, etwas mehr über das Leben und die Struktur der jüdischen Gemeinde in Leipzig vor 1933 zu erfahren. Außerdem scheint es manchmal so, als hätte man versucht, nicht so sehr dahin zu gehen, „wo es weh tut“ - die nichtjüdischen Leipziger tauchen in der Ausstellung wenn überhaupt nur als Retter auf. Die Frage, wie sich der Rest der hiesigen „Volksgemeinschaft“ zur Diskriminierung, Entrechtung und Deportation der Juden stellte, was vielleicht auch in der Presse zu lesen war, bleibt unbeantwortet. Vom Aufbau her wirkt die Ausstellung teilweise etwas unübersichtlich und uneinheitlich gestaltet und auch eine ausführlichere Beschriftung der ausgestellten Dokumente hätte bei der Einordnung des Gezeigten geholfen. Trotz alledem lohnt ein Besuch im Keller des Stadtgeschichtlichen Museums, man sollte sich aber beeilen, denn „Der letzte Weg“ ist nur noch bis 28. Januar dort zu sehen.

Als Kontrastprogramm ging es danach weiter ins Zeitgeschichtliche Forum in die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“. Die gute LeA hat dazu ja auch schon was geschrieben, wobei ich meine, dass bei der natürlich grundsätzlich berechtigten Kritik ein wenig mehr Differenzierung gut getan hätte. Es ist z.B. nicht so, dass von der Henlein-Partei, Vertreibungen durch die Deutschen oder deutschen Verbrechen nach Einmarsch der Wehrmacht „keine Rede“ ist. Mit solchen Lücken hätten die Ausstellungsmachen eine zu einfache Angriffsfläche für Kritik geboten. Es scheint mir eher so, als hätte man versucht, sich gegen entsprechende Verurteilungen abzusichern – nach dem Motto: So viele deutsche Verbrechen darstellen, wie nötig, so wenige wie möglich. Das kann durchaus gefährlicher sein, da sicherlich einige die „Objektivität“ der Schau loben werden, um vom tatsächlich dort stattfindenden Revisionismus zu schweigen. Aber von vorn: Eindeutig liegt der Schwerpunkt auf dem „Leiden der Deutschen“, dennoch macht man halbherzig eine größere Perspektive auf und widmet sich ganz am Anfang der Ausstellung z.B. knapp dem Genozid an den Armeniern. Indem ausgerechnet dieses Beispiel gewählt wurde, und darauf verzichtet wird, die Unterschiede zwischen „Flucht“, „Vertreibung“, „Genozid“ deutlich herauszustellen, wird implizit die Vertreibung der Deutschen mit einem Völkermord parallelisiert, so dass bei Besuchern der Eindruck entstehen könnte, diese hätte genozidale Züge gehabt. Damit ist es nicht mehr weit bis zu einer These vom „Völkermord an den Deutschen“...
In Schaukästen an der Seite des ersten „Raumes“ wird dann tatsächlich z.B. die Rolle der Sudetendeutschen Partei thematisiert, die Begeisterung der Sudetendeutschen, die 1938 mit 98 Prozent für Hitler votierten (Götz Aly: Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen, Frankfurt a.M. 2003, S. 197.) wird allerdings nicht wirklich herausgestellt und die Vertreibung von 250.000 Tschechen findet hier lediglich im Nebensatz auf einem kleinen Beschriftungstäfelchen statt.
Aus der Weite dieses ersten Ausstellungsabschnitts wird man dann direkt auf einen kleinen Tunnel hingeführt, in dem auf größeren Fotos in aller Kürze und Unvollständigkeit deutsche Verbrechen während des 2. Weltkrieges dargestellt werden. Der Besucher „muß“ durch diesen Tunnel, vielleicht weil man davon ausgeht, daß dieser Teil der Ausstellung vom einschlägigen Klientel trotz der absolut unzulänglichen Knappheit der Darstellung nur wenig Beachtung finden würde. Aber in der Reflektion kam mir dabei eine eigenartige Analogie: Die Macher scheinen damit zu sagen: „Wir müssen da jetzt durch! Liebe Besucher, wir wissen, dass Ihr das nicht sehen wollt, wir wollen es auch nicht zeigen, aber was heutzutage sein muss, muss leider sein!“ Und sind diese 2 Meter überstanden, kommt auch schon die Katharsis in Form von den restlichen 80 Prozent der Ausstellung, auf denen „Deutsches Leiden“ in allen Formen ausgebreitet bzw. nacherlitten werden kann und die Integration der „Vertriebenen“ in Westdeutschland als Erfolgsgeschichte präsentiert und die DDR für ihr Schweigen zu dem Thema gescholten wird. An „Vertriebenen-Kitsch“ hat man von den obligatorischen Handwagen bis zu Spielzeugpuppen Diverses zusammengetragen, was zwar keinerlei historische Erkenntnis liefert, aber ebenso wie die nachvertonten und leise sphärisch mit rührseliger Musik unterlegten (man kennt das ja von Guido Knopp: „Achtung, jetzt wird's dramatisch!“), dafür aber unbeschrifteten Videos emotionalisiert wie ein Heimatroman es nicht besser könnte. Als letzter Punkt sei an dieser Stelle nur noch die Darstellung der Vertriebenenverbände erwähnt, die unkritischer wohl nicht hätte ausfallen können.
Aber noch einmal: Haudrauf-Revisionismus, den ich nach dem LeA-Flugblatt erwartet hätte, wird hier nicht geboten, hier versucht sich eher, ein „aufgeklärtes“ deutsches Geschichtsverständnis in Szene zu setzen, das vorgibt, auch die „dunklen Kapitel“ und den historischen Kontext nicht zu scheuen. In welcher Weise dies allerdings geschieht, habe ich oben versucht, deutlich zu machen. Gerade diese vorgegaukelte „Objektivität“ kann aufgrund der für den „normalen Besucher“ schwierigeren Durchschaubarkeit noch gefährlicher sein als offene nationalistische Geschichtsklitterung und verdient deshalb der differenzierten und genauen Kritik.