fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2007-01-13

drogenabhängige antijudaisten und ein dilemma der geschichtswissenschaft

In diesem Artikel in der Frankfurter Rundschau setzt sich Alexander Jürgs mit den Thesen von Sönke Zankel zum Widerstandskreis um die Geschwister Scholl auseinander, die er in seinem im letzten Jahr erschienenen Buch „Die Weisse Rose war nur der Anfang“, das ca. 25% seiner Doktorarbeit enthält, ausbreitet. Neben enthaltenen Differenzierungen zur Bezeichnung „Weisse Rose“ könnte man überspitzt zusammenfassen: Möglicherweise waren die Widerständler drogenabhängige Antijudaisten, die ihre Freunde an die Nazis verrieten. Bei der Lektüre fällt Zankels Drang zur knackigen These auf, vieles bleibt schwammig und durchaus diskussionswürdig; dennoch sind seine Ansichten nicht ganz so „bizarr“, wie Jürgs es gerne hätte. Einige unvollständige Anmerkungen dazu:

"Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen - nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste [Zankel zitiert: bestialische -fw] Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann."

Mit diesem Zitat aus dem zweiten Flugblatt der „Weissen Rose“ beginnt Jürgs seinen Text und konstatiert dazu:
„Diese Aussage ist so eindeutig, dass man es für unmöglich halten muss, ihren Verfassern Judenfeindlichkeit zu unterstellen.“ Ganz so „eindeutig“ ist diese Aussage allerdings nicht, immerhin scheint für den Verfasser des Flugblattes, Alexander Schmorell, festzustehen, dass eine „Judenfrage“ existiere. Und Fragen verlangen üblicherweise nach Lösungen. Dass die Studenten sich der Art der „Lösung“, wie sie von den Deutschen durchgeführt wurde, durchaus bewusst waren, ist aus dem Text zu entnehmen. Im weiteren, von Jörgs nicht zitierten Text heisst es denn auch bezeichnenderweise: „Auch die Juden sind doch Menschen - man mag sich zur Judenfrage stellen wie man will“ (Zankel 2006, S. 156). Die Vermutung (für eine These im eigentlichen Sinne formuliert Zankel doch zu vorsichtig) eines christlich-religiös motivierten Antijudaismus bei den Widerständlern soll auch durch die „Parallelisierung von Juden und Deutschen im fünften Flugblatt“ (S. 158) gestützt werden, wobei sich Zankel allerdings ein wenig unkritisch gegenüber seiner eigenen Interpretation des fünften Flugblattes verhält. Die Androhung einer „gerechten Strafe“, dicht gefolgt von der rhethorischen Frage: „Deutsche! Wollt Ihr und Eure Kinder dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist?“ erscheint bei der Lektüre des gesamten Flugblatttextes eher als unglückliche Formulierung denn als eine Art religiöser Rechtfertigung der Shoa. Wobei man sich sowohl den Inhalten, als auch den Formulierungen des Widerstandskreises durchaus kritisch nähern sollte, schließlich handelt es sich dabei nicht um wirr zusammengeschriebene Gedanken renitenter Pubertierender, sondern um mühevoll komponierte Stellungnahmen von Jugendlichen mit einem durchaus intellektuellen und elitären Anspruch.
Zankel geht es auch gar nicht so sehr darum, den Mitgliedern des Widerstandskreises eine wie immer geartete Judenfeindlichkeit nachzuweisen, er will eher den Mythos hinterfragen, laut dem der Kampf gegen die systematische Ermordung der Juden eines der Ziele der Studenten gewesen sei, denn „Belege für die These, der nationalsozialistische Antisemitismus oder auch die Verfolgung der Juden seien ein maßgebliches Handlungsmotiv für den Scholl-Schmorell-Kreis gewesen, finden sich nicht.“ (S. 166) Eher bleibt der Eindruck, „als sei der gesetzlich legitimierte Antisemitismus, der jenseits von Ermordung und Versklavung eatbliert worden war, hingenommen worden bzw. die Kritik am Antisemitismus befand sich nicht in ihrem Horizont. Hinweise auf eine Kritik am positiven Recht im NS-Staat sucht man in den schriftlichen Dokumenten vergebens.“ (S. 157)
Dass die Weiße-Rose-Stiftung, von Jürgs als Referenz für die Abwegigkeit der Argumentation herangezogen, laut seinem Artikel Zankels Arbeit als „absurd, sachlich abwegig und moralisch infam“ bezeichnet, kann nicht verwundern: Pflegt diese doch laut Sönke Zankel den oben dargestellten Mythos in ihrer Ausstellung in der Ludwig-Maximilians-Universität München (S. 200, Anm. 734).
Die Deutschen bekommen es mit der Angst zu tun, wenn man ihnen ihre „engelsgleichen“ Helden nehmen will. Erst die Wehrmacht, Stauffenberg & Co. und nun auch noch die niedlichen Scholls. Für eine kritische Geschichtswissenschaft stellt sich das Problem allerdings anders: Gefährlich am Dekonstruieren der Mythen von den letzten „aufrechten Deutschen“ ist natürlich nicht der Umstand, dass damit das Identifikationspotential hierzulande schwindet, sondern die sich daraus ergebende Möglichkeit, damit eine Exkulpation durch die Hintertür zu betreiben. Dies trifft keineswegs nur auf das Beispiel der „Weissen Rose“ zu, sei aber daran ausgedrückt - frei nach dem Motto: „Wenn selbst die Scholls Judenfeinde waren, wie hätten es dann die 'gewöhnlichen Deutschen', denen nichts so fern lag wie Widerstand gegen den Nationalsozialismus, nicht sein können?“.
Ein Dilemma: Es ist dringend notwendig, beschönigende und heroisierende Geschichtsschreibung argumentativ anzugreifen, bei pauschalen Verurteilungen allerdings entsteht die Gefahr, damit individuelle Handlungsspielräume und Verantwortungen auszublenden.



3 Comments:

Blogger killmellq said...

Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

Samstag, 13 Januar, 2007

 
Anonymous kaffee! mehr kaffee!-tine said...

hui. gelöscht. interessant. was standn da? ;) ...

Samstag, 20 Januar, 2007

 
Blogger FinsterWinster said...

Ne is gar nich so interessant...war nur so Werbe-Spam.
Sollte also niemanden vom Kommentieren abhalten!

Samstag, 20 Januar, 2007

 

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