fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2006-09-11

reise zurück

So lange scheint es gar nicht her zu sein, daß ich an Wintertagen als Zivi morgens das Museum der Gedenkstätte Mittelbau-Dora aufschloss, das sich damals in einer rekonstruierten Häftlingsbaracke befand. Erster Schlüssel - Alarmanlage, zweiter Schlüssel (2x rumdrehn) - Tür aufschliessen. Sicherungen rein. Flackernd gehen vorn im Ausstellungsraum die Lichter über den Tafeln und in den Vitrinen an. Es gibt Momente, an die gewöhnt man sich nicht, auch nicht nach Monaten der täglichen Konfrontation mit vergangenem Leid, Terror und Gewalt. Einer davon ist der, in dem ich jeden Morgen auf nüchternen Magen das Video der "Befreiung" des Aussenlagers "Boelcke-Kaserne" des KZ Mittelbau durch die U.S. Army im April 1945 anmache, daß in Dauerschleife gezeigt wird. (In diesem Video kann man ab Minute 4 1/2 Bilder daraus sehen, dann wird vielleicht auch klarer, wieso ich "Befreiung" in Anführungszeichen setze) In den Wintermonaten verirren sich wenige Besucher auf das Gelände des ehemaligen KZ und schaue ich aus dem Fenster am Bücherstand, scheint die Schneedecke die Relikte der Vergangenheit zu konservieren. Stille. Irgendwann habe ich dieses Morgenritual mit Hardcore im Walkman praktiziert, wohl um nicht jeden meiner Schritte auf den hölzernen Dielen der Baracke knarren zu hören.
Es ist eben doch sechs Jahre her inzwischen und seit gestern ist die neue Dauerausstellung in einem historisch unbelasteten Gebäude eröffnet. Zu meinen Zivizeiten begann die Neukonzeption der Gedenkstätte und ich bin froh, soviel davon mitbekommen zu haben - die verschiedenen Entwürfe der Architekten und die Diskussionen darüber. Noch froher bin ich jetzt, daß das Herzstück, die neue Ausstellung, so gut geworden ist. Gut, weil sie die "V2"-Rakete noch mehr aus dem Fokus und damit den Technik-Freaks und Wernher von Braun-Fans die Wichsvorlage nimmt. Gut, weil sie die Täter und Profiteure des Programmes "Vernichtung durch Arbeit" klarer benennt und die Verflechtung von Konzentrationslagern und deutscher Tätergesellschaft thematisiert, die einerseits gerade hier so deutlich ist und andererseits gerade hier so geleugnet wurde und wird. Noch im letzten Jahr mußte der Leiter der Gedenkstätte gegen den in Nordhausen gepflegten Mythos ankämpfen, die Häftlinge des Lagers hätten nach ihrer Befreiung die Stadt geplündert. (Siehe)
Wahrscheinlich wird die Diskrepanz zwischen historischer Forschung und dem, was davon im Bewußtsein der Leute ankommt, weiterhin zu groß bleiben. Aber durch Ausstellungen wie diese wird es hoffentlich schwieriger, glaubhaft zu erzählen, niemand habe davon gewußt.
Nun steht das Gebäude der alten Aussellung leer. Es wird bei jedem Besuch dort ein bißchen weniger "meine Gedenkstätte" von vor sechs Jahren. Aber wenn die Veränderung in diese Richtung geht, kann ich trotz ein wenig Melancholie und Pathos (man möge mir den Anfang des Artikels verzeihen) sehr gut damit leben.

Und das schreibt SpOn heute.