fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2006-08-30

verschlimmbesserung

Bis vor Kurzem wurde der ortsnächste Tabakfachhandel noch von einer älteren, etwas reservierten Dame geführt. Diese bediente mich zwar nicht überschwänglich charmant, aber durchaus kompetent. Vor einigen Tagen erzählte sie mir plötzlich und ungefragt, daß sie in 2 Tagen in Rente gehe und jemand neues den Laden übernehme. Da ich immer, wenn mich Verkäufer in Läden, in denen ich alle 2-3 Tage etwas kaufe, durch Äußerungen wie "Das gleiche wie immer?" oder "Bis morgen dann!" auf die mir unangenehme Tatsache meiner Zugehörigkeit zur Stammkundschaft aufmerksam machen, in Erwägung ziehe, fluchtartig den Wohnort zu wechseln, war ich so von ihrer Menschelei und der Situation ansich überfordert, daß ich lediglich etwas wie "...ich wünschte, ich würde auch schon Rente bekommen..." stammeln konnte und damit wahrscheinlich Ihr Bild von mir als vollkommen Asozialer bekräftigte. Wie dem auch sei - sie nutzte meine Verwirrung dazu, mir den Rücken zugekehrt in einem Anfall der Hinterfotzigkeit (oder Raffgier - welche ja aber der Generation Trümmerfrau ob der ach so entbehrungsreichen Nachkriegszeit leider nachwievor gern nachgesehen wird) aus der Zigarettenfiltertüte, die ich verlangt hatte, die dort eigentlich enthaltenen Gratispaperspackungen zu entfernen.
Jetzt arbeitet in dem Laden ein älterer Herr, der, sollte ich jemals einen Film über ein winziges Tabakgeschäft in Ostdeutschland drehen und jenen dort als Verkäufer auftreten lassen, mir von jedem Feullieton als zu klischeehaft für ostdeutsche Tabakverkäufer angekreidet werden würde. Wenn man eine Bestellung aufgibt, blinzelt er kurz über die auf der Nasenspitze angewachsene Brille, was wohl (groß-)väterliche Wärme im Sinne von "na wollen wir mal sehen, was wir für dich tun können, Junge!" vermitteln soll. Dann allerdings trüben Zweifel, ob das geforderte Produkt sich im Sortiment befinde (was zweifellos der Fall ist - nur dass er es im Gegensatz zu mir mit dem Rücken anschaut), seinen Blick und er begibt sich auf die endlose Suche innerhalb der 2 Quadratmeter Verkaufsfläche. Vorhin dolmetschte zum Glück eine zufällig im Laden anwesende Kundin/Verwandte/Betreuerin, so daß ich doch noch die verlangten "Papers" erhielt. Wenigstens wurde meine Erwartung, daß er mir die Euro-Münzen mit dem Hinweis darauf, daß er kein ausländisches Geld nehmen könne, zurückgeben würde, nicht erfüllt. Dennoch weiss ich jetzt schon, daß er mich mit seiner Senilität bei jedem Einkauf dort in den Wahnsinn treiben wird - wenngleich er sich dafür wohl auch bei Besuch des Ladens im Halbstundentakt niemals meiner erinnern würde und auch zu einem solch unverfrorenen Diebstahl wie die Vorbesitzerin nicht in der Lage wäre.
Was ich daraus lerne, auch für die Zukunft: Wenn ich einmal die Wahl haben sollte zwischen Verkalkung und Alterskriminalität - ich würde mich sofort für Letzteres entscheiden.