fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2006-07-25

fluff fragmente

Fluff Fest 2006 ist Geschichte, hier ist meine. Obwohl wir am Freitag relativ pünktlich starten, brauchen wir für die Anreise eine geschätzte Ewigkeit. Man weiss ja, wie lange es dauert, bis alle 4 Reisenden vollkommen zufriedengestellt sind mit Raucher- und Pinkelpausen und bis jeder im Supermarkt all das zusammenhat, auf das er 3 Tage lang auf keinen Fall verzichten kann (Feucht-Reinigungstücher kilometerweise, Wasserpistolen...). Gegen 17:00 dann endlich Ankunft auf dem Gelände, das sich wohl seit zwei Jahren gar nicht mehr in Pilsen direkt befindet, sondern auf einem Flugplatz im Nachbarort Rokycany. Ein Teil der vor uns angekommenen Leipziger hat uns ein Plätzchen freigehalten, wo wir die Zelte aufbauen und die nächsten zwei Nächte die müden Häupter niederlegen werden. Kurz wird sich mit dem Gelände vertraut gemacht und dann können schon die ersten Staros geköpft werden. Am früheren Abend spielt The Suicide File, auf die ich mich mit am meisten gefreut habe. Geile Band, aber leider zeigt sich da schon, was bei fast allen Bands programmatisch wird: Sommer-Sonne-Open-Air-Hardcore ist eine schöne Abwechslung zu miefigen Jugendzentren, aber der Sound drückt kaum und verfliegt mehr in der hübschen Landschaft, als dass er im Nervenzentrum schmetternde Bruchlandungen hinlegt. Ich glaube, dass es auch daran lag, dass sich vieles so gleich angehört hat und ich fast immer mit einer „Nagut, zieh ich's mir mal rein“-Einstellung vor der Bühne stand. So z.B. auch bei Endstand, bei denen ich immernoch nicht weiss, was daran jetzt das Tolle sein soll. Headliner Heaven Shall Burn hab ich mir dann mal nicht gegeben, dafür aber in der Zeit Gespräche über das drumherum dort geführt, z.B. über die Unity, die dort so beschworen wird und ob diese sich nicht letztenendes doch nur über Oberflächlichkeiten manifestiert. Andererseits stelle ich auch fest, dass es wohl auch an dieser „One-Family“-Illusion (?) liegt, dass ich mich dort unglaublich sicher fühle, soll heissen, dass ich mir nicht vorstellen kann, auf einem anderen Festival so wenig Angst um mein Hab und Gut im Zelt haben zu müssen oder auch, dass es trotz der omnipräsenten Mackerhaftigkeit keine offenen Aggressionen gab und man wahrscheinlich in jeder Seitenstrasse irgendeiner Stadt eher Gefahr läuft, für irgendeinen Mist auf die Fresse zu bekommen, als dort zwischen den ganzen harten Jungs und Mädels. Nachdem HSB sich ausgemetalbrettert haben ist echt Feierabend, von einer Filmvorführung mal abgesehen, daran ändern auch die „Diiisco! Diiiisco!“-Sprechchöre nichts mehr und so endet der erste Abend gemütlich am Bierstand, der schwer frequentiert wird und mit dem Zapfen nicht wirklich hinterherkommt. So kommen die Leipziger, der Zapfer und die lange Schlange nicht um Sammelbestellungen von 17 Bier herum...

Der Samstag beginnt wirklich früh, da auf dem Flugfeld neben bzw. über unseren Zelten ab 7:00 mit Mini-Flugzeugen trainiert wird, die uns mit penetrantem Knarren aus dem Schlafsack treiben. Wahrscheinlich fast alle Festivalgäste pilgern dann im Laufe des Vormittags ins nah gelegene Freibad, ohne das das Wochenende bei der Hitze und dem Staub wahrscheinlich unerträglich geworden wäre. So gibt es dort aber schöne Abkühlung und Sauberkeit und nach dem Wandertagsfeeling dort gilt es, Rokycany zu explorieren. In der hiesigen Kneipe ist man wie im Rest des Ortes auf den Ansturm der Tätowierten und Gepiercten Asis nicht wirklich vorbereitet und so verbringen wir ca. 3 Stunden damit, auf der Terrasse auf unser Essen zu warten. Aber egal, wir sind im Urlaub und das Bier ist kühl und günstig. Als erste Band an dem Tag sehe ich mir Just Went Black an, die schöne Musik machen, aber neulich in der Gieszer einfach mehr gepumpt haben, siehe oben... Zann hab ich noch nie gesehen (und das als Leipziger! Schande Schande!) und dort für gut befunden, Teamkiller haben wir uns mal geschenkt, obwohl es sicher lustig gewesen wäre, sich dort auf und vor der Bühne den Vollproll-Film zu geben. Die scheinbar vielgehypten Rise And Fall fand ich stinklangweilig, aber danach ist es ja auch schon Zeit für Good Clean Fun, die mal wieder 'ne spitzen Show hingelegen und das wohl grösste Circle Pit der Menschheits- geschichte beschallen. (Videobeweis folgt). Die Warschau-Posi-Crew rückt in Ritterrüstung an und das Fluff Fest flippt schön aus. Was den Spass stört ist ein Idiot, der, als das Mikro in der Menge verschwindet, nichts hineinzusagen hat ausser „Free Palestine!“ und damit zeigt, wie einfach es sich dort mit der Politik gemacht wurde. Am Stand von New Winds aus Portugal, die am Sonntag spielen sollen, gibt es massig Palästinafahnen sowie Flyer, auf denen zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wird (kauft nicht beim Juden?). Mir kam dann später zu Ohren, dass es eine schriftliche kritische Stellungnahme (von den Veranstaltern?) zur politischen Einseitigkeit auf dem Festival gab, die am Infobrett aushing. Die New Winds-Jihad-Fans müssen diese dann entfernt haben und als sie daraufhin zur Rede gestellt wurden, relativ schnell zu körperlicher Gewalt übergegangen sein...

Nach dem Programm gibts diesmal tatsächlich Diiisco Diiisco mit allem, was die 90er hassenswert macht, ich sach nur: „DJ Alban und Dr. Bobo!“. Es wird hart getanzt und crowdgesurft und die Leipziger Feiercrew ist hin- und hergerissen zwischen dem Partymob im Discozelt und der Westkurve am Bierstand, wo wir mit Fangesängen zu den Themen Alkohol und Kommunismus lautstark unsere Asozialität unter Beweis stellen und krude Theorien en masse kicken („Die Moslems sind für Emo verantwortlich!“ -Stefan).


Der Sonntag beginnt nach dem ersten harten Auskatern damit, dass wir ins Freibad einbrechen müssen, weil keiner mehr Kronen am Start hat und man am Eingang keine Oiros akzeptieren will. Nachdem wir uns dort erfrischt und ausgiebig abgegammelt haben, machen wir uns gemütlich abreisefertig und stolpern vor aufs Gelände, wo gerade eine Band spielt, es müssen wohl Ravelin 7 gewesen sein, die mit Elektronikeinflüssen ein wenig Abwechslung ins Programm bringen. Die mir empfohlenen Day Of The Dead spielen danach, langweilen aber meiner Meinung nach mit 08/15-HC. Danach opfere ich mich auf und stelle mich in die Burgerschlange, was eine geschätzte Stunde dauert, wodurch ich Officer Jones nur höre, aber doch recht interessant (jaja! „interessant!“) finde. Mampfend ziehe ich mir dann Mönster rein und merke auch, dass so langsam die Luft raus ist... Bevor wir abrücken, geben wir uns aber nochmal den ganzen Bollo-Film bei Nueva Etica aus Argentinien, die mit 3 Sängern ordentlich rumprollen und ihren Militanz-Fetisch rauslassen dürfen. Im Publikum geht's ähnlich zu, ich bekomme Fremdschämung, wenn ich sehe, wie ernst sich die rumhampelnden Tough Guys nehmen, wenn sie ihre Moves präsentieren. Als uns der Staub zuviel wird – wir sind ja nicht wie die ganz coolen Typen vermummt – hauen wir ab und sagen „Tschüss Fluff!“


Jetzt beim Durchlesen scheint es mir, als wäre alles totaler Mist gewesen, das stimmt aber nicht, ich hatte schon ne Menge Spass...