fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2006-02-27

foto-love-story 01/06: gender studies, marx und salz auf unserer haut

Schon während der Erarbeitung des Conne-Island-Disse-Katers wurde beschlossen, diesen am darauffolgenden Sonntag hinter der sächsischen Landesgrenze auszusetzen. Ganz Rational-Choice-handelnd sollte hierbei natürlich das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden werden und so gab es denn noch der in Bad Dürrenberg zu verrichtenden Dinge drei: Erstens musste des Mitbewohners Vehikel (welches sich dort am Vorabend so heftig betrunken haben soll, daß es auch vom fähigsten Piloten nicht mehr zu steuern war) in die Zivilisation rücküberführt werden. Zweitens sollte zu Kur- und Kulturzwecken das hiesige Gradierwerk besucht werden. Und Drittens wollte man einen Freund der Familie durch einen Besuch beglücken.
Die Landpartie begann mit einer fröhlichen Fahrt in westlicher Richtung über die B87 (Bild 1), auf der festgestellt wurde, daß es sich mit moderner Audiotechnik (iPod + USB-Kabel + Autoradio) ähnlich verhält wie bei Mann und Frau: Mag auch mechanisch alles einwandfrei ineinanderpassen - entscheidend ist letztendlich die Softwarekompatiblität. Wenig nützen die 6 Gigabyte purer Information des iPod, wenn bei der Autoradio diese nicht verarbeitet werden können und nur nach Zufallsprinzip ankommen.
Nach kurzer Rumkurverei durch die Bad Dürrenbergischen Wohnlabyrinthe suchte man den Freund auf, der sich auch recht schnell und bereitwillig wieder unserer Existenz erinnerte (O-Ton Sprechanlage: "Wer is'n bitte Wirsinds?"). Dort wurden dann die Kaffeevorräte geplündert, Neuigkeiten ausgetauscht und ganz nebenbei konnte man durch die Olympia-Zusammenfassung innerhalb von 20 Minuten zwei TV-technisch verpasste Wochen aufholen (um dabei festzustellen, daß diese wohl so verpasst gar nicht waren). Dabei wurde uns der Zusammenhang zwischen Medallienspiegel und sozio-ökonomischer Lage eines Landes vom Diplomsoziologen M.S. erklärt: "Das is doch irgendwie so, je schlechter es einer Nation geht, desto besser ist das Abschneiden beim Sport..." und anschliessend empirisch untermauert: "Kann ich noch so'n Tee haben?". Aus marxistischer Perspektive ergeben sich daraus wundersame Konsequenzen: Dreht man die Kausalbeziehung herum, ist bei internationalen Sportveranstaltungen das Unterstützen des eigenen Landes nicht nur legitim, sondern geradezu revolutionär, wirkt doch jedes Tor der Klinsmann-Elf wie ein Tritt in die Eier des Hartz-IV-Empfängers und treibt somit die gesellschaftlichen Widersprüche auf die Spitze und in Richtung Selbstbeseitigung des Kapitalismus!
Gegen frühen Abend verliess man dann gemeinsam das heimgesuchte Etablissement, um dem politischen Teil des Trips den kulturellen folgen zu lassen. Europas Grössten (900m) galt es zu besichtigen! ...Zusammenhängenden Gradier-Wall natürlich! (Bild 2) Beim Gradieren wird - wie ich inzwischen lernte - der Salzgehalt einer Sole erhöht. Heutzutage, wo das Salz bei Aldi im dritten Regal links wächst, weiss natürlich kein Mensch mehr, wozu sowas gut sein soll, aber beeindruckend siehts trotzdem aus und gesund ist es wahrscheinlich auch, sofern man sich nicht so wie ich beim Lungendurchpusten mit mineralangereicherter Luft aufgrund des eisigen Wetters eine feine Erkältung als Andenken mitbringt.

Aus Sicht der Sole oder eines ausversehen eingemauerten Bauarbeiters sieht ein Gradierwerk wohl in etwa so aus (Bild 3). Sobald der Dateitransfer per ICQ funktioniert, werde ich auf Anfrage all diese Bilder meinem Chat-Buddy Ahmadinedschad als Bauanleitung in den Iran rüberschicken.

Was zur Salzgehaltsteigerung gut ist, kann zur Urananreicherung ja wohl kaum schlecht sein.
Nebenbei bemerkt haben wir an diesem Tag auch gelernt, daß Schneeflocken mit ca. 7 km/h fallen.

Unsere Bildungsreise klang zünftig bei einer heissen Schokolade am Bad Dürrenberger "Sechseck" (Bild 4, nur eine Ecke sichtbar) aus, wo man auch kurz mit den Eingeborenen in Kontakt kam ("Eeene Schachdl röööde BallMall!"), das Erlebte und Gesehene Revue passieren liess und sich fragte, ob sich an dieser Imbissbude wirklich ab und zu irgendjemand ein Glas mit Coca-Cola-Relief (noch mit DM ausgepreist) oder eine unglaublich hässliche Geldbörse zum Kampfpreis von € 0,50 kauft.
Sodann wurde das hinter feindlichen Linien verschollene Auto aufgesucht, die Reisegruppe auf die Fahrzeuge aufgeteilt und man machte sich erschöpft, aber reich an neuen Erfahrungen und Eindrücken auf den Heimweg.

3 Comments:

Anonymous special k. said...

ey na herzlichen. hat mich tatsächlich bereits ab satz 1 wie wild interessiert, wies in bad dürrenberg so war. ich kann jetzt jeden satz auswändig. dankedankedanke.

Montag, 27 Februar, 2006

 
Blogger FinsterWinster said...

Bittebittebitte. Aber natürlich kann so eine kühle Fotodokumentation die erfahrene Crazyness nur in unzureichender Art und Weise wiedergeben. Man kann ja nur fix die Fakten niederschreiben. Was drumherum und in einem selbst abläuft - um dies zu schildern fehlt ja die Zeit und oftmals auch die Worte...
Achso und die Sache mit dem "auswendig" werde ich bei Gelegenheit mal unangekündigt überprüfen.

Montag, 27 Februar, 2006

 
Anonymous kk said...

wieso. is doch wützig. und ich fand die ganze schtorry tatsächlich unglaublich fesselnd. kam das rüber? und what about the trashing??

Dienstag, 28 Februar, 2006

 

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