fachzeitschrift für dings und gegen kaffeetalismus

2005-11-04

107

Donnerstag abend, kurz vor 18.00: Ich sitze auf Arbeit, 30 Minuten bis zur Zigarettenpause, das ist zu schaffen. Noch ein bisschen auf dem Schmierblatt rumgekrakelt oder einfach ins Leere gestarrt und zwischendurch ein wenig blabla mit Eingeborenen aus dem Baden-Würrtembergischen, die sich verständlicherweise einen Scheiss für Radioumfragen interessieren.
18.03: Alt+W, in einem Jahr hat sich die Ergonomie meiner Hand perfekt auf diese Kombination eingestellt, die Evolution liegt im Detail, Genossen! Es läutet 2mal, der Hörer wird abgenommen, ein Mann geht ran.
"Guten Abend, mein Name ist...blabla...Umfrage...blabla, mitmachen?"
"Ja fraagen sie nuuua, wennsch net bis Middernacht dauert!"
"Um Gottes Willen, 15 Minuten, denke ich mal, dann legen wir doch einfach mal los. [...] Nennen sie mir bitte alle Radiosender, die sie in Ihrem Sendegebiet kennen."
"Na da hädde mir de SWR eins, de SWR dreeei un eine ganz dollen Sender, des isch Hunnerdsiewngommasiewn, des isch...also so eine dolle Musigg, wenn isch den hörre, das isch ja wie, also wissense, mir waren ja damols alle uffm Herbertsgymnasium hier im Ort, gelle, un da ham mir ja des alles gehört imma, mir ware ja jung, verstehense, lange Haare un so, aber alle, wissense! Alle! Un ich sage ihnen, mir hadde im Jahrgang do den Nobelpreisträger inner Physigg, den [???], und den anderen da, mir sahe jo alle so aus!! Wer hätte damols gedacht dass die mol...[Minutenlanger Text über Nobelpreisträger aus seinem Jahrgang und auf welchen Konzerten diese Spass gehabt haben]"
Oh mann...was wird das? Auf jeden Fall kein Interview wie alle anderen. Oder er hat nich gecheckt dass noch mehr Fragen kommen.. na denn...
"Ja OK , also diese 3 Sender kennen sie, und welchen Sender haben sie in den letzten 7 Tagen meistens gehört?"
"Na also Radio höre ich imme nur im Audo, wissense, ich bin also Jurist, ne, un wenn ich da in die Kanzlei fahr, des isch hier inner Diestelstrasse, ein schöööönes Haus, ne, da sin ja mehrere Kanzleien so drinne, ne, un ich hab halt eine davon, ne, eine Arbeit jeden Tach, ne, das sachich ihne...."
Ich grinse bis zu den Ohren, solche Menschen gibts wirklich! Um mich herum die Leute gucken schon, ich bin im Interview seit 6 Minuten, bei der zweiten Frage und rede NICHT!
OK; ganz easy; heute morgen noch beschwert, daß zu wenig Freaks ans Telefon gehen, das hab ich nun davon, das wird jetzt ausgesessen, so ne Chance kommt nicht nochmal.
"...un deshalb ebben immer nur
Hunnerdsiewngommasiewn, denn desch is hald mei Musigg, gell, desch schalt ich ein un...."
Ich hangele mich von Frage zu Frage, nur nicht zu lange Luft holen, sonst geht es wieder los! Er gibt sich selbst die Stichworte, um dann weiter und weiter auszuholen.
35 Minuten. Wir sind bei den Musikmontagen.
"Also desch alles, was sie mir hier vorspiele, gelle, des isch aaaalles einmalisch, ne, denn ich sage mal so, ob einem des persönlich gefällt, der Inhalt, ne des isch nebensächlich, des isch sooo professionell gemacht, gelle, des sin ja top musigger, da do sowas mache, gelle, profis, gelle, des isch einfach ein genuss, ich höre des alles so gerne un..aber auch andere Musigg, gelle, ich hör au so oft mei Wagner CD, auch des isch a hochgenuss, des mach ich ich immer so abwechselnd, ma des Radio, hier desch
Hunnerdsiewngommasiewn, des isch mei Sender, gelle, aber ab und zu halt auch ma e Platte..äh, ne desch gibts ja nimme, ZeeDeeh mein ich natürlich, früher haddermer ja noch...."
Ich beginne zu schwitzen. Was sagte er vorhin von "Mitternacht?" Es geht immer so weiter. Meine Gesichtsmuskeln verkrampfen, entspannen, verkrampfen, entspannen. Die Interviewer um mich herum lachen sich tot.
"...tot, wissense, mei Opa, gelle, der war ja Berliner, ein alter Preusse, der is 107 [!] geworden un mit siemeneunzisch noch Audo gefahre, je älder der geworde is, desdo jünger is der geworde, verstehnse, hehe, un der isch ja immer mit sei Audo mit Berliner Kennzeiche hier durchde Ortschaft gefahre, desch war eine Attraktion hier...." Ich erfahre, wie seine Mutter nach dem Krieg die Evolution weitertreiben wollte, weshalb er 2 Geschwister hat (deren Autokennzeichen ich mir leider nicht merken konnte) und aus welchem Grund seine Schwester in einem US-Bundesstaat jetzt ein hohes Tier ist. Und dann - er schliesst den Kreis wieder, es geht zurück zum Opa, der sich ja hat verbrennen lassen, weil Hans Albers als Münchhausen das ja genauso gemacht hat und dann weiter zurück zum Thema:
"...jo un deshalb denke ich, dass es keinen Sender gibt, der zu viel Werbung bringt, gelle..."
Ich schalte zwischendurch für Minuten ab, es geht einfach nicht. Auf einmal ist es still. Verdammt!
"Äähh...entschuldigung..wie war jetzt nochmal ihre Antwort auf meine Frage?!?!"
Gelächter um mich herum.
Er erläutert mir ausführlich, dass er jede meiner Fragen erstmal nach der Logik beurteilt, da er ja Jurist ist, daß er im Auto beim Musikhören abstrahiert, die Autobahn nur einmal auf dem Weg nach Karlsuhe benutzt hat, ihm da natürlich gleich mal sein Auto abhanden gekommen ist, wie er es dann wiederbekam und in irgendeinem Zusammenhang kommt er später unweigerlich auf die Turbotomaten von Dagobert Duck zu sprechen. Immer mal wieder Schulterklopfen von Kollegen, die Supervisoren hören grinsend mit.
19.20: "Und das war unsere Letzte Frage!" Danach richtet er noch ein paar Worte an mich, die 107 ist halt einfach seine Glückszahl, die Zimmernummer seines Büros, der Opa, sein Sender, ich kann nicht mehr zuhören, es geht nicht mehr..und dann...
"..un sie könne jederzeit gerne wieder anrufe, gelle..."
"Das machen wir, ich danke ihnen nochmal!"
...wir legen auf. Wie in Trance nehme ich das Headset vom Kopf, um mich herum wird geklatscht. Zigarettenpause.

Und nun? Er hat mich infiziert, dieser Text ist nicht lang genug, ich wollte nur noch eben schnell erzählen, wie......

4 Comments:

Anonymous kathy said...

töröööööööööööööööööööö!

und ich dachte schon, der typp damals, den ich beim küchenquellefachberater-telefonieren an der strippe hatte und meinte, er hätte den küchenquellefachkatalog nich bestellt, sondern seine frau + die sei ja seit kurzem tot, aber ich könnte ja bitte sehr, sehr gerne je-der-zeit wieder anrufen, wäre krass gewesen.

Freitag, 04 November, 2005

 
Anonymous Anonym said...

Splogs Clog Blogosphere
"We would get surges of it -- as many as 200 to 300 within two hours; we couldn't blacklist the [spammers' online] addresses fast enough," one blog system administrator said.
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Freitag, 04 November, 2005

 
Blogger tineandthecity said...

und ich klatscht einfach mal mit...!

Sonntag, 06 November, 2005

 
Anonymous Anonym said...

du krasser typ,du!

Freitag, 25 November, 2005

 

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